2020-05-22

Was "befiehlt" Salomon Schloß seinen Kindern auf dem Sterbebett?

Rätselhaftes Wort שולם in einem jüdischen Testament

Coronabedingt finden Zusammenkünfte in unseren vielen Vereinen zur Zeit nicht statt. Eine gute Gelegenheit, sich über Mailinglisten auszutauschen. Der Kontakt zu einer englischsprachigen Liste (jewishgen.org) führt dazu, dass ein Wort in hebräischer Schreibschrift entschlüsselt wurde.

 Beilage zum Testament des Salomon Schloß, Mömlingen

 "Da mein Ertisches Dasein nicht mehr lang dauert so bifehle ich weider wan ich nicht mehr beÿ eich bin habt .... mit einander das ist der Krund von allem" lauten die ersten Zeile einer "Beÿlage zu meinem Testament" des Salomon Schloß aus MömlingenMünster

Aus der Familie Simon, die in der Frankfurter Straße lebte, wo sich auch der Betraum der Münsterer Juden befand, fiel die inzwischen nach Frankfurt verehelichte Bertha Simon mit ihrem Mann, Gustav Gerson, der Vernichtung durch die Nazis am 23.04.1943 in Sobibor zum Opfer. Leopold Simon verstarb am 17.08.1939 in Frankfurt, wohin er geflüchtet war. Seine Frau gelangte - vermutlich über Genua - mit zwei Kindern nach den USA, wo sie zunächst bei Verwandten unterkamen. Weitere Mitglieder der Familie konnten - nach stärker werdenden Repressalien - noch rechtzeitig in die USA auswandern und der physischen Vernichtung im Naziterror entfliehen.

Die Familie Simon lässt sich bis Mordechai Simon zurückverfolgen, der im Januar 1818 in Münster verstirbt. Von seinen Kindern haben ihn fünf Töchter und ein Sohn überlebt. Bela Simon heiratete in die bekannte Familie Vogel ein und versorgte mit ihrem Mann den erst vierjährigen Bruder Feidel Bär Mordechai Simon. Feidel Bär heiratete, wahrscheinlich 1843, die Tochter eines Ellenwarenhändlers, Salomon Schloß, aus Mömlingen. Von den acht Kindern dieser Ehe verstarben vier bereits im Kindesalter, mit dem jüngsten Kind, 1858, auch die Mutter.

Ein Jahr später heiratete Feidel Bär Simon in Hergershausen die aus Raibach stammende Fanny Traube. Aus dieser Ehe gingen noch einmal drei Kinder hervor. Die Geburt der jüngsten Tochter, Veilchen, erlebt Feidel Bär Simon nicht mehr. Drei Monate vorher verstarb er am 29.08.1862 im Alter von 48 Jahren. Obwohl Feidel Bär sich zeitlebens abrackerte und ein Vermögen von 1.550 Gulden hinterließ, war das bei sieben überlebenden Kindern und einer Witwe nicht viel.

In dieser Situation erinnerte man sich an den "vermögenden" Schwiegervater und versuchte für die Kinder der ersten Ehe etwas "herauszuholen". Als Salomon Schloss am 11.07.1868 starb, war man hierbei noch nicht weit gekommen. Zusätzlich erschwerend war, dass Salomon Schloß ja im bayerischen "Ausland" lebte und die Behörden beider Länder sich austauschen mussten.

Salomon Schloss hinterließ über 23.000 Gulden. Das Testament weist alle Beträge auf, die seine Kinder bereits erhalten hatten. So hatte Maria Anna in die Ehe mit Feidel Bär 900 Gulden in bar, sowie Schmuck, Waren und Kleider im Wert von 300 Gulden eingebracht. Ihr wurden aus dem Nachlass ihres Vaters weitere 2.200 Gulden zugewiesen. Das war mehr, als ihr rechtlich zugestanden hätte. So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Vormund der Kinder, Abraham Vogel, damit zufrieden gab.

In einer Beilage zum Testament befiehlt Salomon Schloß seinen Kindern nun dieses rätselhafte, in Schreibschrift eingesetzte, Wort שולם. Die Rückmeldungen besagen, dass es sich dabei um die yiddische Form von שלום handelt: Shalom. Sicher ist hier nicht nur die Abwesenheit von Krieg gemeint, sondern die tiefere Bedeutung des Wortes, Wohlergehen, innere ZuFRIEDENheit mit sich, anderen, der ganzen Welt angedacht.

In den Akten findet sich ein Vertrag unter den Erben, der genau dem Willen des Vaters entsprach. Niemand der Beteiligten scheint durch Klagen vor Gericht versucht zu haben, mehr für sich selbst herauszuholen.

Ernst-Peter Winter